Madame
la Ministre de la Culture, de l'Enseignement Supérieur
et de la Recherche a le plaisir de vous inviter au vernissage
de l'exposition
DE
MICHEL RODANGE
'Op en Neis fotografëert'
qui
aura lieu le mardi 19 novembre à Mersch.
L'exposition
est ouverte au public du 20 novembre 2002 au
18 avril 2003, du lundi au vendredi de 10 à 18
heures
Op en Neis fotografëert
Auf der Titelseite von Michel Rodanges
Renert lesen wir, der Autor habe seinen befrackten Helden
in Mannesgröße “Op en Neis fotografëert”.
Diese Formulierung haben wir uns angeeignet und in den
Titel unserer Ausstellung übernommen, mit dem Unterschied
allerdings, dass es in unserem Fall Michel Rodange selbst
ist, der „op en Neis fotograféiert”
wird.
Für Rodange handelt es sich im Jahre 1872 um eine
erstaunliche Aussage. Oberflächlich betrachtet könnte
Rodanges Titelzusatz wohl bedeuten, dass es sich bei seinem
Text nicht um eine Übersetzung in die Mundart handelt,
sondern um eine Bearbeitung, die über das Original
hinausgeht. Dann aber hätten andere Formulierungen
wie “Op en Neis erzielt”, “Op en Neis
duergestallt” näher gelegen als die Referenz
auf das neue Medium Fotografie, das in Luxemburg wahrscheinlich
erst seit knapp zwei Jahrzehnten verbreitet ist.
Nun kommt aber im 10. Gesang des Renert auch ein Fotograf
vor. Es ist der Affe Märten, den Renert und Grimpert
auf ihrem Gang zum König im Grünewald treffen.
Er ist als Fotoreporter in einer eigentümlichen,
ihm vom Löwen übertragenen Mission unterwegs:
Om Plankebierg bei Blaaschent
begéinen se den Af
mat sénger Këscht om Bockel;
e goung als Photograph.
De Léiw hätt gär e Portrait
vun engem Liberalen,
die grad op d’Volleksfräiheet
als wi op séng géif halen.
Och wënscht en sech en Album
vun alle Gottgeschenken,
déi un de Klackeseler
als Wahlpatréiner hänken.
Dat éischt ass dënn ze richen,
vläicht sicht een ‘t ëmmesoss,
déi aner si ganz hefeg,
besonnesch déi vu Goss. |
Im Lauf des Gesprächs wird deutlich,
dass der Affe mehr ist als nur eine pittoreske Nebenfigur.
Sind doch er und Babel, seine Frau, die Renert vor dem
Zweikampf mit dem Wolf am ganzen Leib rasiert und mit
Fett einsalbt, wichtige Sympathisanten des roten Außenseiters.
Auch der seltsame Auftrag, sowohl das schwer auffindbare
politische Ideal als auch die korrumpierte politische
Wirklichkeit abzulichten, macht deutlich, dass hinter
der Fotografie-Metapher eine übertragene Bedeutung
steht. In ihr drückt Rodange nämlich eine gewandelte
Kunstauffassung aus, die einen neuen Blick auf die gesellschaftlichen
und politischen Verhältnisse der Zeit notwendig macht.
Erfolgte vom Mittelalter bis zu Gottsched die explizite
Belehrung in der Form von moralisierenden Glossen, so
werden die Reinaert-Epen seit Herder und Goethe implizite
Sittenlehren, in denen die didaktische Aussage nicht mehr
unmittelbar, sondern durch und in der Erzählung geschieht.
Der Erzähler gewinnt demnach auch ein verändertes
Verhältnis zu den gesellschaftlichen Zuständen
der Zeit. Er wird beinahe zum Voyeurismus verpflichtet.
Er muss beobachten, hinter die Kulissen schauen und im
Bild festhalten, was er sieht. Diese Abbild- und Reproduktionsfunktion
stattet ihn sozusagen mit einer magischen Macht in einer
diesseits-bezogenen Welt aus. Mit Rodange beginnt aber
auch die für das realistische Erzählen charakteristische
Subjektivierung des Erzählens. In Verbindung mit
dem im neunzehnten Jahrhundert aufkommenden neuen Sehen,
in dessen Zug sich auch die Medien Panorama, Diorama und
Fotografie entwickeln, entstehen so literarische Verfahren,
die dem Schreiben eine gewandelte gesellschaftliche Funktion
vermitteln.
Inzwischen aber schreiben wir das 21. Jahrhundert, und
es stellt sich die Frage, ob man sinnvoller Weise die
Metapher des nochmaligen Fotografierens auf einen gestandenen
Autor übertragen darf. Wir glauben ja, denn als Literaturwissenschaftler
wissen wir, dass das Bild, das wir uns von einem Autor
machen, von Zeit zu Zeit neu geschrieben wird. Die Literaturwissenschaft
trägt neue Standpunkte, Fragestellungen und Methoden
an die überlieferten Texte und Dokumente heran. Die
hermeneutische Arbeit des Literarhistorikers unterscheidet
sich allerdings wesentlich von der Situation des Schriftstellers.
Während der Schriftsteller die gesellschaftlichen
Verhältnisse direkt vor sich hat, ist der Literaturwissenschaftler
auf die überlieferten Quellen angewiesen und steht
an in der langen Reihe der vorausgegangen Interpreten,
die sich mit dem gleichen Gegenstand beschäftigt
haben. So ist das Bild Rodanges zum Beispiel überaus
stark von den Arbeiten Welters und Tockerts beeinflusst.
Besonders Tockert hat mit einer alten Kamera ein gestochen
scharfes Bild geschossen, während nachfolgende Forschergenerationen,
die über sophistiziertere Aufnahmegeräte verfügten,
zuweilen in ihren Einstellungen unscharf blieben oder
in der Hast einige Aufnahmen verwackelten.
Die Grundlage unserer Ausstellung ist deshalb weniger
ein neu erschlossenes Territorium der Rodange-Forschung.
Vielmehr haben wir das vorhandene Material ergänzt,
neu gesichtet und zusammengestellt. Unser Bild soll dabei
an Tiefenschärfe gewinnen, indem wir den ausschließlich
philologischen Blick durch rezeptionsästhetische
und literatursoziologische Fragestellungen zu ergänzen
suchen. Wir möchten also einem breiten Publikum sowohl
Informationen über Rodange als auch Materialien zur
Reflexion über das Zustandekommen des heutigen Rodange-Bildes
vermitteln.
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